Es gibt ein Foto, auf dem ich neben unserem Buddhakopf sitze. Wir lächeln beide. Bei ihm sieht das aus, als hätte er alle Zeit der Welt. Bei mir war es einfach ein schöner Augenblick in unserem Innenhof.
Wenn ich das Bild anschaue, denke ich daran, wie wenig es manchmal braucht, um sich willkommen zu fühlen. Pascal und ich möchten, dass man bei uns vorbeischauen darf, auch wenn man nichts kaufen will. Einen Stuhl ausprobieren. Ein bisschen reden. Oder einfach da sein.
Daraus ist diese Fabel entstanden. Den Buddhakopf gibt es wirklich. Die Begegnung, die ich jetzt erzähle, haben wir uns ausgedacht.
Käpt’n Frechspatz hatte ein Problem mit dem Buddhakopf.
Er konnte sich das Lächeln nicht erklären.
Seit Tagen sass dieser Kopf im Innenhof, zwischen den alten Dingen, und sah zufrieden aus. Er hatte noch keinen einzigen Verkauf abgeschlossen. Keine Preise verglichen. Nicht einmal ein besonders gutes Angebot entdeckt.
«Sag mal», begann Frechspatz. «Hast du etwas gewonnen?»
Keine Antwort.
«Oder kennst du die Preise von früher?»
Vom Dach kam ein leises Lachen. Mads hatte zugehört.
«Vielleicht lächelt er, weil du zwischendurch Luft holen musst.»
Frechspatz beschloss, die Bemerkung zu überhören. Das konnte er ausgezeichnet, wenn eine Bemerkung nicht von ihm stammte.
Dann kam eine Frau in den Innenhof.
Sie trug eine kleine Tasche. Eigentlich nichts Auffälliges. Trotzdem ging sie so vorsichtig, als müsste sie bei jedem Schritt darauf achten, dass ihr nichts entglitt. An den Fundstücken blieb sie kaum stehen.
Vor dem Buddhakopf hielt sie an.
Frechspatz hatte schon einen Spruch bereit. Er schluckte ihn hinunter.
«Du hast gut lächeln», sagte die Frau.
Es war leise. Eher etwas, das ihr herausgerutscht war, als etwas, worauf sie eine Antwort erwartete.
Und doch kam eine. In unserer Fabel sprach der Kopf. Oder vielleicht hörte die Frau zum ersten Mal seit Langem einen freundlichen Gedanken in sich selbst.
«Du musst nicht zurücklächeln.»
Die Frau schaute auf.
«Du darfst einfach einen Moment hier sein.»
Sie stellte ihre Tasche ab.
Eine Weile geschah gar nichts. Die Lichterkette bewegte sich im Wind. Irgendwo klirrte eine Tasse. Niemand fragte, was los sei. Niemand erklärte ihr, dass sie die Dinge auch von der guten Seite betrachten könne.
Frechspatz hüpfte auf die Lehne eines freien Stuhls.
«Der ist noch frei.»
Er wartete. Für Frechspatz war das bereits eine beträchtliche Leistung.
«Falls du sitzen möchtest.»
Sie setzte sich.
Rico schob ein trockenes Blatt vom Stuhlbein weg. «Service», murmelte er. «Sonst mache ich eigentlich nur Käseberatung.»
Die Frau lachte kurz. Dann wurden ihre Augen feucht.
Frechspatz sah es. Diesmal musste er nichts daraus machen. Kein aufmunternder Spruch. Keine Frage. Er blieb einfach auf seiner Lehne sitzen.
Als die Frau später ging, nahm sie ihre Tasche und strich mit der Hand darüber.
«Danke für den Platz.»
Mehr sagte sie nicht. Frechspatz nickte.
Am Abend sass er neben dem Buddhakopf. Der Innenhof war still geworden.
«Ich dachte immer, Freundlichkeit müsste etwas bewirken», sagte er. «Dass jemand fröhlicher wird. Oder wenigstens freundlich zurück.»
«Du hast ihr einen Stuhl angeboten.»
«Und weiter?»
«Heute war ein Stuhl genug.»
Frechspatz schaute zu dem freien Platz. Er wusste noch immer nicht, was die Frau bedrückt hatte. Aber er erinnerte sich daran, wie vorsichtig sie sich hingesetzt hatte. Und wie ihre Schultern nach einer Weile ein bisschen gesunken waren.
«Muss man dabei immer lächeln?»
«Nein», sagte der Buddhakopf. «Du darfst auch freundlich sein, wenn dir selbst gerade nicht danach ist. Und wenn du Ruhe brauchst, darfst du das sagen.»
Frechspatz dachte nach.
«Also grüssen. Einen Platz anbieten. Und gelegentlich den Schnabel halten.»
«Gelegentlich wäre ein guter Anfang», sagte Mads vom Dach.
Diesmal musste Frechspatz selber lachen.
Der Stuhl blieb im Innenhof stehen. Morgen würde vielleicht jemand darauf sitzen. Vielleicht auch niemand. Aber er war frei.
Ich mag diesen Gedanken. Wir müssen nicht wissen, was ein anderer Mensch mit sich trägt, bevor wir ihm freundlich begegnen können. Manchmal reicht es, ein wenig Platz zu machen. Ohne gleich eine Antwort zu erwarten.
Und wenn Frechspatz das lernen kann, haben wir anderen vermutlich auch noch eine Chance.
