Mitten auf dem Verkaufstisch der Hafe Brocki hatte ein Schmetterling Platz genommen. Orangefarbene Flügel auf verwittertem Holz. Zwischen Dingen, die schon vieles hinter sich hatten und noch nicht wussten, was vor ihnen lag.
Fred betrachtete ihn durchs Fernrohr. Falsch herum, weshalb das Wunder zunächst erstaunlich weit entfernt wirkte.
«Was kostet der?»
«Nichts», sagte Michèle. «Er gehört sich selbst.»
Rico nickte. «Endlich jemand ohne Etikett. Bei Rocco keine Selbstverständlichkeit.»
Eine alte Schale stand daneben. Ihr Rand trug einen kleinen Sprung.
«Du hast es gut», sagte sie. «Du bist neu.»
Der Schmetterling bewegte seine Flügel.
«Nicht ganz. Ich war schon jemand, bevor ich fliegen konnte.»
Die Schale schwieg. Dann fragte sie: «Warst du damals weniger wert?»
«Ich kam nur anders durch die Welt.»
Vom Containerdach rief Mads: «Ich empfehle grundsätzlich Flügel!»
«Du empfiehlst auch grundsätzlich deine Meinung», murmelte der Hafenkater und verschob seine Pfote in die Sonne.
«Und die Zeit dazwischen?», fragte die Schale. «Als du noch nicht fliegen konntest, aber auch nicht mehr weiterkriechen?»
Der Schmetterling hielt still.
«Von aussen sah es aus, als geschähe nichts.»
Rocco legte sein Putztuch hin. Er kannte diese stillen Zwischenzeiten: Fundstücke, die monatelang stehen blieben. Dinge, die niemand wollte, bis jemand darin etwas Eigenes erkannte. Menschen, die nur schauen kamen und länger blieben, als sie geplant hatten.
«Muss ich also eine andere werden?», fragte die Schale.
«Du musst nicht meine Verwandlung nachmachen», antwortete der Schmetterling. «Vielleicht wartet auf dich keine neue Form. Vielleicht ein neuer Zusammenhang.»
Wenig später trat eine Besucherin an den Tisch. Sie nahm die Schale in die Hände und fuhr behutsam über den angeschlagenen Rand.
«Für meine Knöpfe», sagte sie. «Die von meiner Grossmutter. Bisher liegen sie in einer Tüte.»
Rocco erklärte den Sprung und nannte den Preis. Die Frau nickte. In ihren Händen war die Schale noch dieselbe. Und doch hatte sich etwas verändert: Sie würde Erinnerungen hüten, statt hinten im Schrank auf die nächste Suppe zu warten.
Da bemerkte die Besucherin den Schmetterling. Sie blieb stehen. Michèle blieb bei ihr stehen. Fred setzte sein Fernrohr ab. Für einen Augenblick wollte niemand etwas kaufen, verkaufen oder besonders klug sagen.
Die Flügel öffneten sich im Licht.
Michèle lächelte, bevor sie wusste, warum. Die Frau lachte leise. Selbst Rocco vergass für einen Moment, Patina zu erwähnen. Das Glück hatte nichts Grosses angekündigt. Es sass einfach auf ihrem Verkaufstisch und war gerade genug.
«Kann man das mitnehmen?», fragte Fred.
«Den Schmetterling nicht», sagte Michèle.
«Ich meinte das Gefühl.»
Vom Tor her sprach der Basilisk: «Versuch nicht, es festzuhalten. Schau gut hin. Manches begleitet dich gerade deshalb, weil du es frei lässt.»
Als der Schmetterling aufflog, blieb der Tisch zurück: Holz, Gebrauchsspuren, Dinge mit Geschichte. Und ein paar Menschen, deren Nachmittag sich leise verwandelt hatte.
Rico sah ihm nach. «Einmal Glück, ohne Tragetasche. Auch gut für die Umwelt.»
Am Abend lagen die Knöpfe noch in ihrer Tüte. Morgen würde die Frau sie in die Schale legen. Den Schmetterling hatte sie nicht mitgenommen. Sie hatte trotzdem von ihm erzählt.
Eine erfundene Hafenfabel, inspiriert vom echten Schmetterling auf unserem Verkaufstisch und vom Film durch die Hafe Brocki.
Offene Tore, kleines Glück – zum Reel aus der Hafe Brocki