An einem stillen Morgen fand Frechspatz in der Hafe Brocki eine alte Schiffsglocke.
Sie war vom Wetter gezeichnet, doch ihre Stimme hatte nichts von ihrer Strenge verloren.
«Du musst», klang es bei jedem Schlag.
Frechspatz läutete vorsichtshalber zweimal. Ordnung konnte schliesslich nicht schaden.
Bald musste Fred die Fundstücke ordnen, Mads die Besucher begrüssen und Rocco einen alten Stuhl reparieren.
Rico sollte seinen Käse teilen.
«Die Glocke hat einen technischen Defekt», stellte er fest.
Rocco aber lachte nicht. Er sass vor dem Stuhl und hielt ein Stück Holz in der Hand. Gestern hatte er noch gewusst, wie er das wacklige Bein retten wollte. Heute war ihm jeder Handgriff fremd geworden.
Michèle setzte sich neben ihn.
«Mein Grossonkel Max Kämpf war ein Basler Maler und Zeichner. Ein eigenwilliger Künstler, der auch Menschen einen Platz in seinen Bildern gab, an denen andere vorübergingen.»
Sie betrachtete das Licht auf der abgewetzten Armlehne.
«1980 schrieb er:»
«Ich bin ein typischer Dürfer und ein miserabler Müsser.»
Max Kämpf · 1980
Rico hob den Kopf. «Das hätte ich gern als Arbeitszeugnis.»
Michèle lächelte.
«Max konnte mit ganzem Elan arbeiten, wenn der Antrieb aus ihm selbst kam. Doch unter äusserem Zwang fühlte er sich blockiert. Er hat das ausgesprochen, obwohl es vermutlich leichter gewesen wäre, sich anders darzustellen.»
Eine Weile blieb sie still.
«Er starb, als ich erst zwei Jahre alt war. Ich hätte ihn gern später noch kennengelernt. Ihn gefragt, ihm zugehört. Heute kann ich seine Bilder betrachten und seine Worte lesen. Aber die Fragen, die ich ihm stellen würde, sind erst mit mir gewachsen.»
Der Basilisk senkte den Kopf. Frechspatz legte den Klöppel behutsam auf ein Tuch.
Draussen zog der Rhein vorbei.
Da erschien ein Besucher am offenen Tor. Er betrachtete den Stuhl.
«Wollen Sie den unbedingt loswerden?»
Rocco strich über das alte Holz.
«Nein. Wir müssen nichts verkaufen. Wir dürfen.»
Der Mann sah ihn überrascht an.
«Dann störe ich auch nicht, wenn ich nur schaue?»
«Komm herein», sagte Michèle.
Fred rückte eine Lampe näher. Mads machte Platz auf der Lehne. Die Kätzchen beschnupperten die Schuhe des Besuchers und fanden offenbar nichts, was gegen seinen Aufenthalt sprach.
«Diese Stühle kenne ich», sagte der Mann. «Meine Mutter sass auf so einem am Küchenfenster.»
Er erzählte, wie sie dort Kartoffeln geschält hatte. Wie sie beim Nachdenken das Messer stillhielt. Wie leer der Platz nach ihrem Tod geblieben war.
Niemand zeigte ihm ein Preisschild.
Rocco drehte den Stuhl vorsichtig um. Unter der Sitzfläche lag eine alte Reparatur frei: ein kleiner Holzkeil, mit Geduld eingepasst.
Der Besucher kniete sich neben ihn.
«Da hat ihn schon einmal jemand behalten wollen.»
Rocco nickte. Plötzlich wusste er wieder, weshalb er ihn herrichten wollte.
Er griff zum Werkzeug.
Die Arbeit blieb mühsam. Das Holz widersetzte sich, eine Schraube fiel in eine Ritze, und Rocco gebrauchte ein Wort, das Frechspatz sofort in seinen Wortschatz aufnehmen wollte.
«Nicht jedes Erbstück ist für dich bestimmt», sagte Mads.
Der Besucher half, das Bein zu halten. Fred leuchtete. Rico brachte Käse.
«Für die tragenden Kräfte.»
Als der Stuhl wieder fest stand, setzte sich der Mann darauf. Seine Hände ruhten auf den Armlehnen.
«Ich möchte ihn kaufen», sagte er schliesslich.
«Schlaf ruhig noch eine Nacht darüber», erwiderte Michèle.
Der Mann blieb sitzen.
«Danke. Aber ich glaube, ich habe ihn schon vermisst, bevor ich ihn gefunden habe.»
Später, als er gegangen war, fragte Frechspatz: «Und wenn er nichts gekauft hätte?»
Rocco legte das Werkzeug zurück.
«Dann hätte ich trotzdem von seiner Mutter gehört.»
Michèle blieb noch einen Augenblick beim leeren Platz stehen. Sie dachte an Max und an all das, was zwischen zwei Menschen möglich gewesen wäre, hätten ihre Lebenszeiten einander länger berührt.
Der Basilisk stellte die Glocke auf ein Regal.
«Die darf bleiben», sagte er. «Sie muss bloss nicht mehr für uns sprechen.»
Frechspatz nickte. Dann öffnete er das Tor ein wenig weiter.
Rico betrachtete seinen leeren Käseteller.
«Merkwürdig», murmelte er. «Sobald ich freiwillig teile, ist auch nichts mehr da.»
Er sah zu den anderen hinüber.
«Aber irgendwie fehlt weniger.»
