Käpt’n Frechspatz hatte sich auf seinem rostroten Poller eingerichtet. Er rückte die Mütze zurecht und wartete auf Kundschaft. Einen eigenen Verkaufsstand besass er nicht. Das hinderte ihn keineswegs daran, sich einzumischen.
Neben ihm brannte die alte Laterne. Ihr Licht fiel auf Taue, Kieselsteine und eine kleine Lampe, die vor dem Container auf einen nächsten Heimathafen wartete.
«Vierzig Franken», stand auf ihrem Schild.
Frechspatz fand das angemessen. Er hatte bereits zweimal darunter gedöst und betrachtete sich deshalb als Sachverständigen.
Ein Mann blieb stehen, drehte die Lampe um und verzog den Mund.
«Zwanzig. Mehr ist der alte Kram nicht wert.»
Frechspatz stellte seine Brustfedern auf.
«Interessant. Sie haben kaum hingeschaut und wissen schon alles. Das spart natürlich enorm viel Zeit.»
Der Mann blickte hoch.
«Man wird doch wohl handeln dürfen.»
«Markten», sagte Frechspatz. «Wir sind in Basel. Und ja. Aber müssen Sie der Lampe vorher ihre ganze Lebensleistung absprechen?»
Rico lugte hinter einer Kiste hervor.
«Falls jemand meinen Käse begutachten möchte: Der hat ebenfalls Patina.»
«Dein Käse hat ein eigenes Wetter», erwiderte Frechspatz.
Der Mann lächelte kurz. Dann zeigte er auf eine Schramme am Lampenfuss.
«Die ist beschädigt.»
Rocco nahm die Lampe in die Hand.
«Hier hat sie eine Spur, ja. Die zeigen wir auch. Sie funktioniert, wurde geprüft, und wir haben Zeit in sie gesteckt. Deshalb stehen vierzig Franken dran.»
«Im Internet finde ich so etwas billiger.»
Frechspatz holte tief Luft.
Rocco hob einen Finger.
Der Spatz klappte den Schnabel wieder zu. Eine seltene Sehenswürdigkeit im Holzpark.
«Das kann sein», sagte Rocco. «Und du darfst dich dort umschauen. Wenn du magst, reden wir über deinen Vorschlag. Die Lampe muss dafür nicht schlecht sein.»
Eine Weile hörte man nur den Rhein und das leise Klirren der Kette an der Laterne.
Dann sagte der Mann:
«Ich habe gerade nicht viel übrig.»
Frechspatz liess die Federn sinken.
Diesen Satz hatte er hinter dem ersten nicht gehört.
Er hatte nur die zwanzig Franken gehört. Und seine eigene Antwort schon zurechtgelegt, bevor der andere fertig gewesen war.
Unter seiner Mütze wurde es plötzlich ein wenig eng.
«Dann hätten Sie das doch sagen können», begann er.
Bodhi, der Brocki-Buddha, lächelte aus dem Container.
«Vielleicht muss jemand nicht erst sein ganzes Leben auf den Tisch legen, um freundlich behandelt zu werden.»
Frechspatz betrachtete seine Krallen.
«Ja. Nun. Als Kapitän muss man gelegentlich den Kurs berichtigen.»
«Besonders, wenn man beim Ablegen schon hupt», murmelte Mads.
Der Spatz hüpfte näher zur Lampe.
«Mein Schnabel war schneller als meine Ohren», sagte er zum Mann. «Das kommt vor. Ich arbeite an der Reihenfolge.»
Der Mann strich über die Schramme.
«Und ich hätte nicht gleich von altem Kram reden müssen.»
Rocco stellte die Lampe zwischen sie.
«Gut. Jetzt können wir miteinander reden.»
Sie sprachen über den Preis. Über die Arbeit, die darin steckte. Darüber, was der Mann ausgeben konnte und womit Rocco sich wohlfühlte.
Am Ende fanden sie an diesem Abend keinen gemeinsamen Betrag.
Die Lampe blieb stehen.
Der Mann blieb trotzdem noch einen Moment.
Er erzählte, dass er früher Dinge repariert hatte. Rocco zeigte ihm eine widerspenstige Schraube. Frechspatz gab ungefragt drei Ratschläge, von denen wenigstens einer nicht völlig unbrauchbar war.
Als der Mann ging, verabschiedeten sie sich freundlich.
«Kein Verkauf», stellte Rico fest.
«Eine Schraube weniger locker», sagte Rocco.
Mads sah zum Spatz.
«Bei wem?»
Frechspatz ignorierte die Frage mit bemerkenswerter Würde.
Später, als das Laternenlicht den Poller honigfarben machte, nahm er ein kleines Schild in den Schnabel und befestigte es am Tau.
Darauf stand:
«Über den Preis dürfen wir reden.
Lasst uns dabei einander ansehen.»
Darunter setzte er, in seiner etwas vorwitzigen Handschrift:
Anstand. Respekt. Demut.
«Anstand», erklärte er Rico, «ist vielleicht schon das Grüezi vor dem Angebot.»
«Respekt?»
«Dass wir ein Nein hören können, ohne jemanden kleiner zu machen.»
«Und Demut?»
Frechspatz rückte seine Kapitänsmütze zurecht.
«Dass selbst ein Spatz mit ausgezeichnetem Überblick nicht alles weiss, was ein Mensch mit sich herumträgt.»
Rico dachte nach.
«Das Schild ist gut. Was kostet es?»
«Das ist unverkäuflich.»
«Schade. Ich hätte gern unverschämt tief angefangen.»
Frechspatz lachte so laut, dass seine Mütze verrutschte.
Neben ihm leuchtete die Laterne weiter. Sie hatte an diesem Abend niemanden reich gemacht.
Aber ihr Licht reichte noch immer für beide Seiten des Tisches.
