Auf dem Dach der rostroten Container wohnten Kora und Kuno. Kora trug eine rote Wollmütze, gelegentlich eine Sonnenbrille und ihre Lebenserfahrung mit einer gewissen Gelassenheit. Kuno hatte ein blaues Halstuch und mehr Fragen, als unter seine Federn passten. Gemeinsam hielten sie Ausschau nach allem, was andere übersahen. Rocco nannte sie seine Fundstückberater. Der Hafenkater nannte sie Ruhestörung.
Als das Abendlicht die rostigen Container weich zeichnete, landete Kuno mit einer angeschlagenen Tasse vor Koras Füssen.
«Ein Fundstück!»
Kora schob ihre Sonnenbrille hoch. «Ein Sprungstück.»
«Muss bei uns alles einen Schaden haben?»
«Nein. Rocco nimmt gelegentlich auch makellose Dinge auf. Aus Mitgefühl.»
Unten im Hof polierte er gerade eine alte Laterne. Michèle stellte Stühle an den langen Tisch, und der Hafenkater prüfte mit geschlossenen Augen, ob der Abend seinen Ansprüchen genügte.
Kuno drehte die Tasse. Ein feiner Riss zog sich durch das Blau, wie ein Nebenfluss auf einer alten Landkarte.
«Sie hält nichts mehr», sagte er.
Kora klopfte mit dem Schnabel an den Rand.
«Wasser vielleicht nicht.»
«Was denn sonst?»
Darauf wusste sie keine Antwort. Das ärgerte sie ein wenig. Krähen sind klug, doch auch Klugheit sitzt manchmal vor einer Tasse und kommt nicht weiter.
Sie trugen ihren Fund zu Rocco.
«Schöne Patina», sagte er.
«Du sagst das sogar beim Wetterbericht», erwiderte Michèle.
Rocco grinste. Dann betrachtete er den Riss.
«Für heissen Kaffee würde ich sie nicht mehr verkaufen.»
Er stellte sie vorsichtig zur Seite, zwischen eine Messingglocke und einen einzelnen Holzknopf.
Kuno blieb bei ihr sitzen.
«Und jetzt?»
«Jetzt darf jemand schauen, ob er etwas mit ihr anfangen kann.»
In der Nacht sah Kuno noch einmal in die Tasse. Kein Schatz darin, kein geheimer Zettel. Trotzdem konnte er sie nicht einfach vergessen. Was hatte sie einmal gehalten, bevor der Riss kam?
Doch die Besucher griffen nach anderen Dingen. Eine Lampe fand einen neuen Tisch, ein Stuhl eine neue Küche. Die Tasse blieb.
Am dritten Abend nahm Kuno sie wieder mit aufs Dach.
«Vielleicht haben die anderen recht.»
Kora zog ihre rote Mütze tiefer. «Womit?»
«Dass sie wegkann.»
Lange hörten sie nur das Rascheln des Bambus. Dann sagte Kora: «Du kannst sie nicht dadurch wertvoll machen, dass du dich fest genug an ihr festhältst.»
Kuno sah sie an.
«Aber ich kann sie doch nicht einfach fallen lassen.»
«Nein», sagte Kora leise. «Das musst du auch nicht.»
Gemeinsam brachten sie die Tasse zurück.
Am nächsten Nachmittag kam eine ältere Frau in die Brocki. Sie suchte einen kleinen Blumentopf. Vor der Tasse blieb sie stehen.
«Darf ich?»
Michèle nickte und zeigte ihr den Riss.
Die Frau fuhr mit dem Daumen über den Henkel.
«Meine Schwester hatte so eine. Jeden Sonntag stand sie auf dem Tisch.»
«Möchtest du davon erzählen?», fragte Michèle.
Die Frau schüttelte den Kopf. Dann setzte sie sich trotzdem einen Augenblick.
Niemand drängte sie. Fred hatte ausnahmsweise keine Frage. Selbst Mads unterliess seinen üblichen Hinweis, dass Möwen selbstverständlich Vorrang hätten.
Nach einer Weile erzählte die Frau von zwei Schwestern, die sich beim Kaffee über alles streiten konnten, ausser darüber, dass noch ein Stück Kuchen auf den Teller gehörte.
Als sie ging, nahm sie die Tasse mit.
«Eine Hauswurz kommt hinein», sagte sie. «Die hält ein bisschen Trockenheit aus. Wir werden uns verstehen.»
Kuno sah ihr vom Containerdach nach.
«Wir hätten niemals erraten, was sie darin sieht.»
«Nein», sagte Kora.
«Und wir mussten es gar nicht.»
Kora nickte. Unten wickelte Rocco die Messingglocke für einen jungen Mann ein. Michèle rückte einen freien Stuhl an den Tisch.
Der Basilisk, der am Tor zugehört hatte, senkte den Kopf.
«Eine offene Tür ist schon eine Menge», sagte er. «Man muss nicht auch noch wissen, wen sie hereinlassen wird.»
An diesem Abend legte Kuno einen glänzenden Kronkorken vor Kora ab.
Sie betrachtete ihn lange.
«Und wofür soll der gut sein?»
«Weiss ich noch nicht.»
«Dann nehmen wir ihn erst einmal aus dem Weg. Rocco könnte ihn sonst als maritime Antiquität beschriften.»
Sie lachten so laut, dass der Hafenkater ein Auge öffnete.
Später, als der Hof still geworden war, sassen die beiden dicht nebeneinander auf dem Dach. Unter ihnen warteten alte Dinge auf neue Hände. Am langen Tisch stand noch ein Glas, und daneben lag ein vergessener Schal.
Kuno wollte ihn holen.
«Morgen», sagte Kora. «Vielleicht kommt jemand zurück.»
Und sie liessen das Licht noch ein wenig brennen.
