Rico wusste genau, wo sein Käse lag.
Unter dem alten Stuhl, links neben dem vorderen Bein. Dort war er trocken. Dort hatte niemand besonders oft nachgesehen. Und wenn die Lichterketten im Holzpark angingen, wusste Rico: Jetzt konnte er zum Abendbrot nach Hause.
An diesem Abend war der Stuhl weg.
Er blieb stehen. Dann lief er um den leeren Platz herum. Einmal. Noch einmal. Beim dritten Mal legte er einen Krümel dorthin, wo das Stuhlbein gestanden hatte.
«Verkauft», sagte Rocco hinter ihm. «Der Stuhl hat ein neues Zuhause.»
Rico schaute auf den Kies.
«Schön für den Stuhl.»
Rocco hockte sich neben ihn. Er hätte etwas Tröstliches sagen können. Dass sich schon ein anderer Platz finden würde. Dass Veränderungen auch gut sein könnten. Aber Rico brauchte gerade niemanden, der ihm erklärte, was an diesem Abend gut war.
Also blieb Rocco bei ihm.
Nach einer Weile kam Mads vom Dach herunter.
«Du musst den Stuhl nicht heute vergessen», sagte sie.
Rico nickte kaum merklich.
«Aber dein Käse liegt offenbar nicht mehr dort.»
«Ich weiss nicht, wo ich suchen soll.»
«Dann fang dort an, wo du noch nicht geschnuppert hast.»
Rico steckte seinen letzten Krümel ein. Den wollte er jedenfalls nicht auch noch verlieren.
Er ging an einem Buddha vorbei, der wie immer keine Eile hatte. Unter einer Lampe hindurch, deren Licht auf dem Kies lag. Vor der zweiten Containertür blieb er stehen.
Drinnen klapperte etwas.
Rico wartete. Er kannte diese Ecke nicht besonders gut. Und bei unbekannten Geräuschen dachte er lieber einmal zu oft an eine Falle als einmal zu wenig.
Dann hörte er Fred.
«Mads, stell noch einen Teller hin. Vielleicht kommt jemand.»
Rico schob seine Nase durch den Türspalt.
Auf einem alten Tisch lagen Brot und Käse. Frechspatz sass auf einer Lehne und bewachte ein Stück, das grösser war als sein Kopf.
«Ist das ein neuer Vorrat?», fragte Rico.
Fred schaute auf.
«Ein Anfang. Der Vorrat kommt und geht. Aber der Platz hier ist frei, wenn du dich setzen möchtest.»
Rico setzte sich. Eine Weile liess er die Pfoten unter dem Tisch. Dann holte er seinen letzten Krümel hervor und legte ihn in die Mitte.
Niemand fragte, ob das alles sei.
Später wurde gelacht. Frechspatz ernannte sich zum Käsebeauftragten. Mads beantragte seine sofortige Abwahl. Rocco blieb noch eine Weile, und Fred rückte den Teller so hin, dass alle drankamen.
Rico ass langsam.
Er vermisste den alten Stuhl noch immer. Den vertrauten Winkel. Das Knarren, das nur dieser Stuhl gehabt hatte.
Aber als er an diesem Abend daran dachte, sass jemand neben ihm.
Am nächsten Morgen schrieb er auf ein Stück Pappe: «Patina darf bleiben. Der Weg zum Käse darf sich ändern.»
Den Krümel auf dem Kies liess er liegen. Er wollte den alten Platz nicht vergessen. Er musste nur nicht mehr jeden Abend dort nach seinem Zuhause suchen.
Ich finde, Rico hatte etwas Wichtiges begriffen. Weitergehen verlangt nicht, dass uns das Gestern gleichgültig wird. Man darf einen Ort vermissen und trotzdem eine andere Tür öffnen.
Was hinter dieser Tür wartet, weiss man vorher nicht.
Rico würde empfehlen, erst einmal die Nase hineinzustecken.
«Und falls Käse da ist», würde er hinzufügen, «bitte nicht unnötig lange nach dem Sinn suchen.»
Eine eigene Hafe-Brocki-Fabel, frei inspiriert vom Veränderungsgedanken in Spencer Johnsons «Die Mäuse-Strategie für Manager».