Die Hafencrew · ca. 5 Minuten

Wo wir einander über Wasser halten.

Der eine lächelt. Der andere fragt, ob sie bleiben dürfen. Auf ihrer kleinen Bank lernen beide, was sie einander noch nicht gesagt haben.

Wo wir einander über Wasser halten.
Der bärtige und der lächelnde Puppenkopf sitzen gemeinsam im hölzernen Sessel in der Hafe Brocki
Zwei Fundstücke mit gezeichneten Gesichtern – und Raum für neue Geschichten.

Die beiden Puppenköpfe sassen auf ihrer kleinen Bank im hölzernen Sessel. Draussen wurde es dunkel. Zwischen ihnen blieb ein Stück Holz frei, gerade breit genug, um zu merken, dass niemand nähergerückt war.

«Meinst du, wir dürfen hier bleiben?», fragte der Bärtige.
«Für heute stehen wir im Licht», antwortete der Lächelnde. «Vielleicht müssen wir noch nicht weiter wissen.»

Eine Weile hörten sie dem Rhein zu.

Zwei alte hölzerne Wasserpuppenköpfe bleiben auf einer kleinen Bank beieinander.
Manchmal hält uns schon jemand über Wasser, der einfach neben uns bleibt.

«Früher war Wasser unsere Bühne.»
«Und wenn wir auftauchten, begann eine Geschichte.»

Das vietnamesische Wasserpuppentheater entstand vor ungefähr tausend Jahren im Delta des Roten Flusses. Auch geflutete Reisfelder wurden zu Bühnen. Spieler stehen im Wasser und bewegen lackierte Holzfiguren mit Stäben und Schnüren. Was sie trägt und lenkt, bleibt unter der Oberfläche verborgen.

«Die Menschen sahen unseren Tanz», sagte der Bärtige. «Die Hände darunter sahen sie nicht.»
«Vielleicht ahnten sie trotzdem, dass niemand allein tanzt.»

Der Wind bewegte ein Blatt neben dem Sessel.

In dieser Fabel hatten die beiden lange in Kisten gelegen. Manche Station ihrer Reise war verblasst; geblieben war die Erinnerung an Hände, die sie vorsichtig aufhoben. Und an Zeiten, in denen sie vergessen schienen.

«Ich habe vieles verloren», sagte der Bärtige.
«Ja.»
«Du sagst nicht, dass dafür etwas Besseres kommt?»
«Das weiss ich nicht. Manches vermisst man auch an einem schönen Ort.»

Der Bärtige blickte zu seinem Gefährten. Zum ersten Mal musste er seine Traurigkeit nicht erklären, damit sie neben ihnen sitzen durfte.

«Manchmal bin ich abgetaucht, obwohl kein Wasser da war.»
«Ich habe dich vermisst.»
«Ich wusste nicht, wie ich zurückkommen sollte.»
«Ich wusste nicht, ob ich näher rücken durfte.»

Zwischen ihnen lag ein schmaler Streifen Holz.
«Du darfst», sagte der Bärtige.

In ihrer Geschichte hatte Michèle eines Tages das Papier geöffnet. Pascal hatte die kleine Bank gefunden und beide nebeneinandergesetzt. Ihre abgeblätterten Gesichter durften bleiben, wie sie waren.

«Er nennt unsere Spuren Patina», sagte der Lächelnde.
«Dann haben wir immerhin etwas, das er nicht wegpolieren möchte.»

Unter dem Sessel schnurrte der Hafenkater. Der Bärtige lächelte ein wenig. Es war ein kleines Lächeln, das niemand grösser machen wollte.

«In Vietnam gibt es einen alten Volksvers», erinnerte er sich:

«Bầu ơi thương lấy bí cùng,
Tuy rằng khác giống nhưng chung một giàn.»

Sinngemäss: Kalebasse, liebe den Kürbis – auch wenn ihr verschieden seid, wächst ihr am selben Rankgerüst.

«Sie brauchen einander nicht ähnlich zu werden», sagte der Lächelnde.
«Sie brauchen Raum. Und etwas, das sie hält.»

Frosch Fred betrachtete die offene Brocki: die fremden Formen, die vielen Gebrauchsspuren, die Menschen zwischen ihnen.
«Auch für jemanden mit sehr unterschiedlichen Füssen?»
«Auch für dich.»

Rico stellte eine Laterne neben die Bank. Ihr Licht fiel auf beide Gesichter.

«Und wenn ich wieder still werde?», fragte der Bärtige.
«Möchtest du dann Ruhe oder Gesellschaft?»
«Vielleicht beides.»
«Dann können wir schweigen. Du musst mir nicht alles erzählen.»

Nach einer Weile fragte der Bärtige:
«Und wie geht es dir?»

Der Lächelnde sah zum Licht.
«Heute bin ich müde vom Lächeln.»
«Dann ruh dich aus. Ich bleibe gern bei dir.»

Die Lichterkette spiegelte sich in einer alten Glasschale. Hinter dem offenen Tor lachte jemand; weiter hinten hörte jemand zu.

«Vielleicht nimmt uns eines Tages jemand mit», sagte der Lächelnde.
«Vielleicht bleiben wir noch.»
«Woran werden wir uns erinnern?»

Der Bärtige dachte lange nach.
«An diesen Abend. Du hast mir nichts versprochen, was du nicht wissen konntest. Aber du hast mir einen Platz neben dir gelassen.»

Der Rhein floss weiter. Die Reise hatte ihre Spuren hinterlassen. Auf der kleinen Bank mussten sie weder verborgen noch vorgezeigt werden.

Dort sassen zwei alte Köpfe und hörten einander zu.

Der Bärtige rückte ein wenig näher. Diesmal musste keiner von beiden zuerst fragen.

Wo das Wasser Geschichten trägt.

Figuren tauchen auf, Licht tanzt auf der Oberfläche. Hinter jedem kleinen Wunder wirken Hände, die wir nicht sehen – ein Blick auf die Wasserbühne, aus deren Tradition unsere Fabel schöpft.

Eine erfundene Hafenfabel, inspiriert von unseren beiden alten Puppenköpfen. Ihr genaues Alter, ihre ursprünglichen Rollen und ihr tatsächlicher Reiseweg sind nicht belegt. Die Hintergründe zum vietnamesischen Wasserpuppentheater und der Volksvers sind überliefert; seine deutsche Wiedergabe ist sinngemäss.

Wissen hinter dem Wasserzauber

Vietnam Tourism: Geschichte und Spielweise des Wasserpuppentheaters

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