
Schon lange steht die alte, ausgestopfte Möwe in unserer Brocki. Zwischen Farben, Holz und Fundstücken schaut sie dem Kugelfisch zu, der sich dreht. Er zeigt ihr seine Stacheln, dann seine andere Seite, dann wieder die erste. Ein kleiner Weltreisender, der den Container dafür nicht verlassen muss.
Wie ihr Leben einst aussah, wissen wir nicht. Vor diesem Vogel, der einmal lebendig war, werden wir einen Moment still. Die folgende Hafenfabel leiht ihm eine Stimme – und lässt seiner unbekannten Geschichte ihren Raum.
Als die Containertüren eines Abends geschlossen waren, zählte Käpt’n Frechspatz Kalles Umdrehungen.
«Siebenundvierzig! Beeindruckend. Wohin geht die Reise?»
«Das kläre ich unterwegs», sagte Kalle.
«Du kommst wieder genau hier an.»
«Dann kann ich mich wenigstens nicht verfahren.»
Rico nickte anerkennend. «Eine Expedition mit sicherer Rückkehr zum Käse. Endlich vernünftige Seefahrt.»
Die alte Möwe schwieg. Hinter ihr standen die Farben dicht beieinander, als hätte jemand einen Regenbogen zum Überwintern an die Wand gelehnt. Ihr helles Gefieder fing das letzte Licht.
Frechspatz hüpfte näher.
«Wird dir das nicht langweilig? Immer derselbe Fisch?»
«Ist es denn immer derselbe Blick?», fragte sie.
Der Spatz sah zu Kalle. Eben noch hatten seine Stacheln Schatten geworfen. Jetzt glomm an einer Spitze ein winziger Funke. Als er weiterdrehte, verschwand er.
«Das war eben noch nicht da», murmelte Frechspatz.
«Vielleicht warst du eben noch woanders», sagte die Möwe.
Mads landete an der Tür. Er wollte eine Windmeldung abgeben, sah die alte Möwe und senkte für einen Augenblick seine Stimme.
«Heute draussen: ordentlich Gegenwind.»
«Hier drinnen: ein Fisch mit eingebautem Kreisverkehr», antwortete sie.
Mads musste lachen. Dann blieb er bei ihr sitzen.
Eine Weile hörten sie nur das leise Arbeiten des Containers und draussen den Wind. Kalle drehte sich weiter. Niemand trieb ihn an.
«Ich habe manchmal Angst, dass ich zu wenig vorwärtskomme», sagte er schliesslich. «Alle erzählen von ihren grossen Wegen. Und ich lande immer wieder hier.»
Die alte Möwe betrachtete ihn, bis sein Gesicht wieder zu ihr zeigte.
«Bist du heute genau so hier wie gestern?»
Kalle überlegte.
«Gestern habe ich mich geschämt, wenn jemand meine Stacheln sah.»
«Und heute?»
«Heute weiss ich, dass du noch da bist, wenn ich mich wieder umdrehe.»
Frechspatz hatte schon Luft für eine grosse Antwort geholt. Er liess sie langsam wieder hinaus.
«Dann ist ja doch etwas passiert», sagte Mads.
Am nächsten Morgen machten sich die Dinge fürs Wochenende hübsch. Minnie rückte ihre rosa Schleife zurecht. Ein Glas wartete auf seinen Lichtstreifen. Frechspatz polierte eine Münze, deren Eigentumsverhältnisse Rico ausdrücklich ungeklärt fand.
«Und du?», fragte der Spatz die alte Möwe. «Bereit für Besuch?»
«Ich stehe schon.»
«Seit Jahren!»
«Dann dürfte ich rechtzeitig sein.»
Kalle lachte so sehr, dass seine nächste Drehung ein kleines bisschen schief geriet.
Später blieb eine Besucherin vor der Möwe stehen. Ihr Blick wanderte vom hellen Gefieder zum kreisenden Kugelfisch. Sie lächelte, schaute noch einmal hin und ging erst dann weiter.
Die Möwe flog in dieser Geschichte nicht plötzlich davon. Sie blieb auf ihrem alten Sockel. Wir lassen ihr den stillen Platz, den sie in unserer Brocki hat. Nur für einen Augenblick schien es, als würde um sie herum mehr Raum entstehen.
Kalle kam wieder bei ihrem Blick an.
«Schon wieder ich.»
«Schön», sagte die alte Möwe.
Und diesmal klang die Rückkehr für ihn wie eine Begrüssung.