Die Hafencrew · ca. 9 Minuten

Minnie und der Sonntag mitten im Dienstag.

Frechspatz hält den Dienstag für ungeeignet zum Feiern. Minnie hat sich trotzdem hübsch gemacht. Und nach Ladenschluss hat sie noch etwas vor.

Minnie und der Sonntag mitten im Dienstag.
Minnie sitzt lächelnd neben grünen Gläsern auf dem alten Holzregal
Unsere Minnie zwischen alten Dingen und kleinen Möglichkeiten.

Frechspatz hatte einen Dienstag erwischt, an dem ihm alles zu lange dauerte. Auf dem Regal sass Minnie zwischen grünen Gläsern, im blauen Kleid und mit ihrer rosa Schleife. Ausgerechnet sie sah aus, als hätte sie den Tag bestellt.

Von ihrem Platz im Regal hat Minnie direkten Blick auf den Schrumpfkopf in der Vitrine. Ihre rosa Schleife und sein stilles Gesicht gehören zum selben kleinen Hafenwinkel. Wer vor Minnie stehen bleibt, kann seinen Blick weiterwandern lassen – von einem Lächeln zu einer Frage.

In unserer Fabel schaut Minnie oft zu ihm hinüber. Sie versucht nicht, ihm ein Lächeln abzuringen. Auch die stillen Gäste dürfen einfach da sein.

«Ich weiss so wenig über dich», flüstert sie. «Aber ich kann freundlich zu dir hinüberschauen.»

Manchmal fällt das Licht erst auf ihre Schleife, dann auf das Glas seiner Vitrine. Für einen Augenblick liegt zwischen beiden ein schmaler heller Weg.

Wohin Minnie schaut: Der stille Gast und das grosse Wort ↗

An den Schuhen und der Schleife waren Spuren zu sehen. Minnie trug sie mit derselben Selbstverständlichkeit wie ihr Lächeln. Sie gehörten inzwischen zu ihr.

In unserer kleinen Hafenfabel kam Käpt’n Frechspatz eines Morgens vorbei. Er hatte viel zu erledigen und vorsorglich schon einmal schlechte Laune.

«Für welchen Anlass hast du dich denn so herausgeputzt?», fragte er.

«Für diesen hier.»

Der Spatz schaute sich um. «Es ist Dienstag.»

«Ich weiss», sagte Minnie. «Er hat sich solche Mühe gegeben, heute da zu sein.»

Frechspatz prüfte den Tag. Eine offene Tür. Ein Streifen Licht auf dem Regal. Draussen Wind. Kein Festprogramm. Nicht einmal ein roter Teppich. Nur Rico, der etwas Brot gefunden hatte und es keinesfalls für Dekoration hielt.

«Ich hätte auf Sonntag gewartet», sagte der Spatz.

Minnie neigte den Kopf. «Dann wäre dieses Licht schon weitergezogen.»

Durch eines der grünen Gläser fiel ein schmaler farbiger Schimmer auf das alte Holz. Frechspatz hatte ihn eben noch übersehen. Jetzt blieb er mit beiden Füssen darin stehen.

«Steht mir das?»

«Ausgezeichnet.»

Der Spatz richtete eine Feder. «Ich wollte ohnehin etwas an meinem Auftreten verändern.»

Minnie lachte. Ein kleines Lachen, das dem Tag Platz machte. Sie musste nichts Besonderes vollbringen. Sie sass da mit ihrer grossen Schleife und erinnerte den Spatz daran, dass ein Augenblick hübsch sein durfte, auch wenn er auf keiner Einladung stand.

«Manchmal», sagte sie, «heben wir die schönen Dinge so lange für später auf, bis wir vergessen, wo sie liegen.»

Frechspatz dachte an einen freundlichen Satz, den er jemandem sagen wollte. An eine Pause am Rhein. An ein Wiedersehen, für das es immer noch einen besseren Termin geben sollte.

«Und wenn der Tag gar nicht schön ist?»

Minnie schaute ihn einen Moment an. «Dann musst du ihn nicht schön nennen. Vielleicht magst du trotzdem ein bisschen Licht darin behalten.»

Der Spatz atmete aus. Das gefiel ihm. Kein Auftrag, fröhlich zu sein. Nur die Erlaubnis, mitten in allem eine kleine Freude zu bemerken.

Rico tauchte neben dem Regal auf. «Ich habe soeben beschlossen, mein gutes Brot heute zu essen.»

«Eine weise Entscheidung», sagte Minnie.

«Es ist auch das einzige.»

Als Frechspatz später hinausflog, hatte er noch immer viel zu erledigen. Aber er machte einen kleinen Umweg am Rhein entlang. Und den freundlichen Satz behielt er diesmal nicht für sich.

Minnie blieb auf ihrem Platz. Die grünen Gläser standen still. Das Licht wanderte weiter. Auf dem Regal war für einen Moment Sonntag gewesen – mitten im Dienstag.

Wenn die Containertür zufällt, geht die Phantasie auf Reisen.

Was Frechspatz noch nicht wusste: Minnie hatte nach Ladenschluss einen zweiten kleinen Beruf. Sobald die Containertüren geschlossen waren, wurde sie zur Hüterin der heimlichen Vorfreude.

In unserer Hafenfabel begann freitags die grosse Wochenendvorbereitung. Ein alter Stuhl reckte seine Beine. Die grünen Gläser stellten sich gerade hin und übten ihr schönstes Funkeln. Ein Spiegel nahm die Sache so ernst, dass er sich am liebsten selbst einen Spiegel gegenübergestellt hätte.

«Nur die Ruhe», sagte Minnie. «Ihr werdet schon gesehen.»

Sie zupfte in Gedanken ihre rosa Schleife zurecht. Dann ging sie von Fundstück zu Fundstück. Einem schiefen Schälchen gab sie den besten Platz. Einer alten Lampe erzählte sie, wie hübsch ihr Schatten war. Der Stuhl mit dem Kratzer durfte ganz vorne stehen.

«Der Kratzer bleibt?», fragte er.

«Natürlich», sagte Minnie. «Du hast dort etwas erlebt. Das gehört mit zum Wochenende.»

Rico meldete sich als Leiter der Verpflegung. Er hatte eine halbe Brotkruste dabei und verlangte, dass man im Programm ausdrücklich von einem Bankett sprach.

Doch diesmal klopfte es nach Ladenschluss hinter einer Kiste. Dreimal, dann war es still. Der Spiegel sah nur Staub. Die Lampe behauptete, es sei der Wind. Minnie hörte noch einmal hin. Unter dem Klopfen lag eine Stimme, so dünn, dass sie fast überhört wurde. Also rief sie eine Expedition aus.

«Wir suchen das Funkeln.»

Die grünen Gläser wurden zu einem geheimen Wald. In ihren Kelchen lag ein Rest des Tageslichts. Minnie führte die kleine Gesellschaft hindurch, über eine Brücke aus einem alten Holzbrett, bis zu einer dunklen Ecke hinter einer Kiste.

Dort lag ein winziger Knopf. Er hatte mit seiner Kante gegen das Holz geklopft, aber die Kiste war gross und er war klein. Seit langer Zeit hatte niemand nach ihm gefragt.

«Ich passe zu nichts mehr», sagte er.

Minnie setzte sich neben ihn. «Für einen Platz in unserer Runde brauchst du heute keine passende Jacke.»

Sie nahm ihn mit zurück. Das Schälchen bot ihm eine kleine Mulde an. Der Spiegel zeigte ihm seinen sanften Glanz. Die Lampe legte in der Phantasie einen goldenen Lichtkreis um beide. Plötzlich standen alle ein bisschen näher beieinander.

«Da ist es», flüsterte Minnie.

«Was?»

«Das Funkeln.»

Sie hatten es hinter der Kiste gesucht. Gewachsen war es unterwegs: mit jedem Stückchen Platz, das jemand einem anderen angeboten hatte.

Danach feierten sie ein leises Fest. Die Stühle knarrten im Takt. Ein alter Teller diente als Tanzboden. Rico eröffnete das Bankett, stellte fest, dass es bereits beendet war, und erklärte beides zu einem grossen Erfolg.

Als das Wochenende kam und Michèle und Pascal die Türen öffneten, sass Minnie wieder an ihrem Platz. Die Gläser fingen das Licht. Das Schälchen wirkte irgendwie weniger allein. Wer genau hinsah, hätte meinen können, die alten Dinge freuten sich auf Besuch.

Vielleicht ist das ihr heimliches Abenteuer: Sie warten auf neue Geschichten und schenken sich in der Zwischenzeit schon eine eigene. Hinter geschlossenen Türen gehört jedes Fundstück zur Gesellschaft. Auch das kleinste.

Minnie lächelte unter ihrer rosa Schleife. Sie würde nichts verraten. Aber falls du am Wochenende vor einem alten Stuhl stehst und er einmal leise knarrt: Vielleicht begrüsst er dich. Vielleicht hat er auch einfach Muskelkater vom Tanzen.

Minnie bei den Impressionen besuchen ↗

Für kleine Hafenkinder: mit Minnie aufs Mondschiff kuscheln →

Eigenwillige Begleiter gesucht? Unsere Designobjekte warten →

Diese Hafenfabel teilen ↗
FacebookWhatsApp

Für Deinen Facebook-Beitrag: Werbetext kopieren, Facebook öffnen und dort einfügen. Für Instagram kannst Du Text und Link ebenfalls kopieren.