FÜR KLEINE HAFENKINDER · ZUM VORLESEN · CA. 7 MINUTEN
Minnie, Micky und das kleine Mondschiff.
Ein Segel aus Mondlicht, eine sprechende Kissenwolke und ein kleiner Koffer für alles, was bis morgen warten darf.

Als der Abend über den Holzpark kam, trug er eine dunkelblaue Schürze mit einer Tasche voller Sterne. Einen hängte er über die GANNET. Einen legte er in den Rhein. Den kleinsten vergass er auf dem roten Hafentisch.
Dort sass Minnie neben Micky auf einer gelben Mondsichel. Unter ihren Füssen lag eine Kissenwolke. Sie duftete nach frischer Bettwäsche und einem winzigen bisschen Sommerregen.
«Mein Kopf ist noch voller Heute», flüsterte Minnie. «Da hüpfen lauter Gedanken herum.»
Micky lauschte. Tatsächlich: In Minnies Kopf trippelte noch ein kleiner Dienstag. Er hatte seine Schuhe nicht ausgezogen.
«Dann zeigen wir ihm den Weg ins Bett», sagte Micky.
Die Kissenwolke kicherte. Erst hob sie eine Ecke, dann die andere. Die Mondsichel schaukelte, und plötzlich war sie ein kleines Schiff. Ein silberner Faden löste sich vom Himmel und legte sich als Segel über den Mast.
«Bitte einsteigen. Nächster Halt: Gleich-wird-es-gemütlich», murmelte die Wolke.
Tom kam auf leisen Pfoten aus dem Schatten. Er gähnte so ausgiebig, dass der kleine Stern auf dem Tisch sich vor Staunen einmal umdrehte.
«Ich komme mit», sagte Tom. «Aber nur, wenn niemand rudern muss.»
Die Wolke schob ihm eine weiche Ecke hin. Tom stieg ein und prüfte mit einer Pfote die Polsterung. Fachmännisch. Sehr gründlich.
Dann glitten sie los. Über die Tischkante, an einem schlafenden Blumentopf vorbei, mitten hinein in das blaue Rascheln der Nacht.
Bei Rico hielten sie an. Er deckte eine Brotkruste mit einem Blatt zu.
«Schläft Dein Abendbrot schon?», fragte Minnie.
«Psst. Es träumt davon, morgen Frühstück zu sein.»
Er stellte einen Fingerhut mit warmer Krümelmilch ans Ufer. «Für unterwegs.»
Minnie lachte. Ihr Lachen rollte wie eine kleine Murmel übers Segel. Micky fing es auf und steckte es in seine Tasche. Für einen grauen Morgen.
«Gute Nacht, kleiner Krümel. Gute Nacht, lieber Tag.»
Hinter der GANNET lag eine Pfütze voller Sternbilder. Mads schlief daneben, den Schnabel unter dem Flügel. Im Traum segelte er auf einem Brötchen über ein Meer aus Frühstück.
«Wer passt jetzt auf den Hafen auf?», fragte Minnie.
Vom Dach beugte sich der Basilisk zu ihnen hinunter. Auf seinen Schuppen glitzerten winzige Tautropfen.
«Ich bleibe noch ein Weilchen», sagte er. «Der Nachtwind hilft mir. Er hat heute seine leisesten Schuhe an.»
Zum Beweis strich der Wind so zart übers Segel, dass nicht einmal Tom mit dem Ohr zuckte.
Das Mondschiff schwebte zur Laterne des rosaroten Panthers. An seinem Zylinder hing ein winziger goldener Fisch und blies eine Blase nach der anderen in die Luft.
In jeder Blase sass ein kleiner Traum: ein hüpfender Kieselstein, ein tanzender Hut, ein Papierboot mit einer schlafenden Sorge.
«Habt Ihr noch etwas Schweres dabei?», fragte der Panther.
Minnie sah auf ihre Hände. «Heute habe ich etwas nicht geschafft. Das sitzt mir noch im Bauch.»
Der Panther faltete ein gelbes Blatt zu einem winzigen Koffer. «Für Dinge, die bis morgen warten dürfen.»
Minnie legte ihr Nichtgeschafft hinein. Es passte hinein wie ein müder Käfer und klappte die Flügel zu.
«Und wenn ich es morgen noch nicht kann?»
«Dann machen wir den Koffer wieder auf», sagte Micky. «Zusammen.»
Tom nickte schläfrig. «Ich übe auch noch. Vier Pfoten. Manchmal läuft eine in die falsche Richtung.»
Der goldene Fisch schenkte ihnen eine besonders kleine Traumblase. Darin lag ein Stern auf einem Kissen.
«Gute Nacht, kleiner Stern. Gute Nacht, lieber Tag.»
Am Buddhakopf blieb das Mondschiff noch einmal stehen. Auf seiner Stirn ruhte ein Tropfen. Der Stern aus der Blase spiegelte sich darin, rund und warm.
Minnie schaute ihn an. Dann blinzelte sie. Als sie die Augen schloss, leuchtete er ganz leise weiter.
«Der darf mit», flüsterte sie.
Nun wurde die Reise langsamer. Die Wolke zog das Segel ein. Es faltete sich von selbst zu einer kleinen Decke.
Auf dem roten Tisch wartete Arno. Sein Schnurren reichte bis an den Rand des Mondschiffs. Die Wolke legte behutsam an.
«Schnurr. Schnurr. Schnurr.»
Tom rollte sich zusammen. Micky legte die Decke über Minnies Füsse. Der kleine Dienstag in ihrem Kopf zog endlich seine Schuhe aus.
«Muss ich jetzt schon schlafen?», murmelte Minnie.
«Du darfst erst einmal nur gemütlich liegen.»
Unter dem Tisch ruhte der gelbe Koffer. Im Hafen ruhte der Wind. Auf dem Rhein schaukelte das Spiegelbild der GANNET.
Die Kissenwolke atmete so weich, dass Minnie beinahe mit ihr schaukelte. Ein. Und aus. Ganz von allein.
Der winzige Stern kuschelte sich tiefer in sein Traumkissen.
Gute Nacht, liebe Minnie. Gute Nacht, lieber Micky. Gute Nacht, Tom und Arno. Gute Nacht, ihr kleinen und grossen Hafenwesen.
Und gute Nacht auch Dir. Vielleicht wartet in Deiner Nähe ebenfalls eine kleine Kissenwolke. Du musst sie nicht suchen. Mach es Dir nur gemütlich.
Dein Tag darf ruhen. Das Mondschiff bleibt noch ein Weilchen hier.

