Eine sanfte Gute-Nacht-Geschichte zum Vorlesen · ca. 6 Minuten.
Es war eine jener Nächte, in denen der Rhein den Himmel heimlich ein zweites Mal aufbewahrte. Über dem Holzpark stand der Mond wie ein vergessener Knopf an einem dunkelblauen Mantel. Zwischen den Containern schliefen Stühle, die tagsüber noch einiges erlebt hatten.
Nur der rosarote Panther war wach. Er lehnte an seiner Laterne, einen Fuss vor den anderen gestellt, als warte er auf ein Lied, das sich verspätet hatte.
Da kam der Nachtwind um die Ecke. Er roch nach Wasser, weitem Weg und ein bisschen nach Pommes.
«Ein Tänzchen?», flüsterte er.
Bevor der Panther antworten konnte, hob der Wind ihm den Zylinder vom Kopf. Der Hut schwebte über den Kies, drehte eine kleine Pirouette und blieb mitten im Lichtschein stehen.
Frechspatz fiel beinahe von seiner Schlafstange. «Dein Hut fliegt!»
«Er geht selten zu Fuss», sagte der Panther.
Rico steckte die Nase aus einer Kiste. «Falls da ein Kaninchen herauskommt: Wir teilen.»
Doch aus dem Zylinder stieg ein winziger goldener Fisch. Er schwamm durch die Luft, zog eine Schleife um die Laterne und stupste Frechspatz an den Schnabel. Hinter ihm glitten drei schlaftrunkene Sterne aus dem Futter.
«Sternenstaub», erklärte Mads, der sofort gelandet war. «Erkenne ich am Flugverhalten.»
Einer der Sterne nieste. Mads trat einen Schritt zurück.
«Und am Heuschnupfen.»
Frechspatz versuchte, sich ebenso lässig wie der Panther an die Laterne zu lehnen. Brust heraus, Flügel verschränkt, Blick in die Ferne. Dabei trat er auf seinen eigenen Schwanz und purzelte in einen Berg aus Mondschatten.
Die Schatten waren weich wie alte Samtvorhänge. Einer kitzelte ihn am Bauch.
Er kicherte. Erst ganz leise. Dann so hell, dass zwei Kieselsteine zu hüpfen begannen.
«Ich übe noch», sagte er.
«Gut», meinte der Panther und reichte ihm die Pfote. «Dann haben wir morgen auch etwas vor.»
Arno streckte sich auf einem warmen Stuhl. «Ich übe seit Jahren das Liegenlassen. Heute: Erwartungen.»
In diesem Augenblick wanderte der goldene Fisch zu Michèles selbst gemaltem Bild «Der erste Funke». Er stupste gegen den Rahmen.
Ein Saxofonton löste sich aus dem Blau.
Die Laterne im Bild begann leise zu schaukeln. Die gemalten Gestalten rückten zusammen, und dort, wo eben noch ein gelber Pinselstrich gewesen war, erschien eine schmale Tür.
Dahinter lag ein kleiner Hafen. Papierboote dösten an Wollfäden. Der Mond hatte seine Schuhe ausgezogen und liess die Füsse im Wasser baumeln.
«Dürfen wir?», flüsterte Frechspatz.
Der Panther hielt ihm die Tür auf.
Drinnen wurden ihre Schatten federleicht. Mads faltete seinen sorgfältig geübten Überblick zusammen und steckte ihn unter den Flügel. Rico band eine Sorge an ein Papierboot.
«Was steht drauf?», fragte Arno.
«Dass morgen der Käse ausgehen könnte.»
«Und jetzt?»
«Jetzt darf sie schon mal vorausfahren.»
Frechspatz sass am winzigen Kai und liess die Beine baumeln. Zum ersten Mal an diesem Abend prüfte er nicht, ob er dabei cool aussah.
Neben ihm schwamm der Zylinder vorbei. Der Panther fischte ihn heraus und setzte ihn tropfend auf.
«Würde muss gelegentlich trocknen», sagte er.
Da lachte sogar der Mond. Eine silberne Blase platzte an seinem grossen Zeh.
Als das Saxofon den letzten Ton verschenkt hatte, fanden sie sich wieder zwischen den Containern. Das Bild hing still an seinem Platz. Auf Ricos Schnurrhaar glitzerte etwas Gold.
Vielleicht war es nur ein Krümel.
Der goldene Fisch zog noch einen kleinen Kreis um die Laterne. Dann schlüpfte er in den Zylinder, rollte sich darin zusammen und schloss die Augen.
Rico kuschelte sich in seine Kiste. Arno legte den Schwanz über die Pfoten. Mads breitete einen Flügel aus, und Frechspatz rückte ganz nah an ihn heran.
«Meinst Du, die Tür geht morgen wieder auf?», flüsterte der Spatz.
«Wir lassen Platz davor», murmelte Mads.
Der Panther hängte seinen Hut zum Trocknen auf. Der Nachtwind schaukelte ihn so behutsam, als läge ein winziges Kinderbett darin.
Ein Stern nach dem anderen kuschelte sich in den Himmel. Der Rhein flüsterte gegen die Steine. Selbst die alte Containertür knarrte nur noch ein ganz kleines bisschen.
«Du musst heute nichts mehr üben», sagte der Panther leise.
Frechspatz wollte noch etwas antworten. Aber sein letzter Gedanke war schon barfuss durch die kleine Tür gegangen.
Die Laterne hielt ihr warmes Licht über die schlafende Hafencrew.
Und wenn Du magst, stell auch Du Dein kleines Sorgenboot ans Ufer. Es darf dort bis morgen warten. Jetzt darfst Du Dich einkuscheln.
Gute Nacht, kleiner Hafenmensch. Der Mond hat noch ein bisschen Licht für Dich aufgehoben.
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