Humor & Tiefsinn · ca. 5 Minuten

Der stille Gast und das grosse Wort.

Frechspatz kennt das Wort «Schrumpfkopf» und glaubt damit schon fast alles zu wissen. Mads stellt ihm eine einzige Frage.

Der stille Gast und das grosse Wort.
Nahaufnahme des Fundstücks hinter Glas, mit geschlossenen Augen, dunklem Haar und einer Schnur vor dem Mund
Ein stiller Gast in unserer Vitrine. Ein Anlass, genauer hinzusehen.

Eine erfundene Hafenfabel, angeregt durch unser Fundstück und eure Aufnahmen. Die Bezeichnung «Schrumpfkopf» allein klärt weder Herkunft noch Material oder Echtheit. Dazu liegen uns für diesen Beitrag keine gesicherten Angaben vor.

In der Vitrine der Hafe Brocki ruhte ein kleines Gesicht. Geschlossene Augen. Dunkles Haar. Eine Schnur vor dem Mund. Draussen zog der Hafenwind vorbei; drinnen spiegelte das Glas die Menschen, die davor stehen blieben.

Käpt’n Frechspatz blieb natürlich nicht einfach stehen. Er nahm Stellung.

«Aha», sagte er. «Ein Schrumpfkopf. Da weiss man ja ungefähr …»

«Was weisst du?», fragte Mads.

Der Spatz öffnete den Schnabel. Dann schloss er ihn wieder. Eine seltene Bewegung. Rico hielt sie beinahe für ein neues Freizeitangebot.

Frechspatz sah noch einmal hin. Er wusste, wo das Fundstück heute stand. Aber wer es geschaffen hatte, aus welchem Material und auf welchem Weg es hierhergekommen war: Das wusste er nicht.

«Ich könnte eine spannende Geschichte erzählen», sagte er.

«Das kannst du», antwortete Mads. «Aber du solltest wissen, an welcher Stelle deine Phantasie beginnt.»

Der Spatz rückte auf seiner kleinen Kante ein Stück zur Seite. Im Glas sah er nun sein eigenes Spiegelbild neben dem stillen Gesicht. Sein Schnabel war erstaunlich gross darin.

«Vielleicht», murmelte er, «habe ich heute mehr Worte mitgebracht als Wissen.»

Rico nickte. «Bei mir ist es gelegentlich mehr Appetit als Käse. Man muss seine Bestände kennen.»

Eine Weile hörten sie nur den Hafen. Ein Schritt auf den Holzplanken. Das leise Klirren einer Tasse. Wind an der offenen Tür. Das kleine Gesicht gab ihnen keine Antwort. Sie konnten es betrachten, ohne sein Schweigen für sich auszufüllen.

Frechspatz dachte an Menschen, denen er schon mit einem fertigen Urteil begegnet war. An ein müdes Gesicht, das er unfreundlich genannt hatte. An jemanden, der wenig sprach und den er deshalb für unwissend hielt. Er hatte selten gefragt, was hinter dem ersten Eindruck lag.

«Du kannst jemanden ansehen», sagte er langsam, «und trotzdem noch ganz am Anfang sein.»

Mads setzte sich neben ihn. Diesmal liess sie ihm diesen Satz.

Die Schnur vor dem Mund des Fundstücks blieb eine Schnur. Frechspatz wusste nicht, was sie bedeutete. Aber beim Betrachten fiel ihm auf, wie selbstverständlich er sonst für andere sprach. Vielleicht konnte er lernen, eine Frage zu stellen, ohne die Antwort gleich mitzuliefern.

«Wer bist du?», fragte er leise.

Keine Antwort. Er blieb trotzdem einen Augenblick.

Am Abend stand die Vitrine noch immer zwischen den alten Dingen. Im Glas erschien kurz das Licht der Containertür. Frechspatz hatte keine Herkunft entdeckt und kein Geheimnis gelöst. Er hatte nur eine kleine Gewissheit verloren. Dafür war sein Blick ein bisschen weiter geworden.

«Morgen komme ich wieder», sagte er. «Mit weniger Behauptungen.»

Rico schaute auf. «Bring lieber auch ein Sandwich. Von offenen Fragen wird man erstaunlich hungrig.»

Dem stillen Gast begegnen · Zwei kurze Filme
Ein genauer Blick in die Vitrine · 18 Sekunden mit gestalteten Dschungelklängen.
Vom Container zum stillen Gesicht · 12 Sekunden mit gestalteten Dschungelklängen.
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