Die Hafencrew · ca. 5 Minuten

Kalle und die Kunst, Platz zu haben.

«Und was kannst du?» Kalle bekommt die Frage kaum zu hören, schon wird er rund. Fred bleibt bei ihm, bis er wieder Luft bekommt.

Kalle und die Kunst, Platz zu haben.

Kalle war ein Kugelfisch mit wachen Augen, einem kleinen Mund und der Angewohnheit, bei Unsicherheit sehr viel grösser zu werden. Er fand das praktisch. Hinterher fand er es meistens anstrengend.

Als er im Hafen ankam, betrachtete er zuerst die anderen.

Mads konnte fliegen. Kora und Kuno hatten zu allem etwas zu sagen. Der Basilisk bewachte das Tor. Selbst Rico besass eine Zuständigkeit.

«Käse», erklärte die Ratte. «Ein anspruchsvolles Ressort.»

«Und was kannst du?», fragte Frechspatz.

Kalle erschrak.

Er dachte an all die Dinge, die ihm fehlten: Flügel, Pfoten, eine Geschichte, die jemand hören wollte.

Dann machte er sich rund.
Sehr rund.

Frechspatz wich zurück.
«Gut», sagte er. «Du kannst offenbar Durchgänge schliessen.»

Die anderen lachten. Nicht böse. Aber Kalle hörte den Unterschied nicht mehr.

Den ganzen Nachmittag blieb er aufgeblasen.

Als Fred vorbeikam, fragte Kalle: «Bin ich jetzt gross genug?»
«Wofür?»

Darauf wusste Kalle keine Antwort.

Fred blieb bei ihm.
«Das sieht unbequem aus.»
«Man gewöhnt sich daran.»
«Das sagen die Leute auch über wacklige Stühle», erwiderte Fred. «Rocco repariert sie trotzdem.»

Am Abend wurde es still in der Brocki. Eine Besucherin hatte eine alte Lampe gekauft. Ein Mann war ohne Einkauf gegangen, aber erst, nachdem er eine Stunde von seinem Vater erzählt hatte.

Kalle beobachtete, wie Michèle einen freien Stuhl an den Tisch rückte.
«Für wen ist der?»
«Das wissen wir noch nicht.»

Kalle sah lange auf den leeren Platz.

Dann fragte er den Basilisken: «Was passiert, wenn jemand kommt, der nichts Besonderes mitbringt?»

Der Wächter dachte nach.
«Dann müssen wir ihn wohl kennenlernen.»
«Und wenn es nichts zu entdecken gibt?»
«So gründlich bin ich noch keinem begegnet.»

Kalle wurde ein wenig kleiner.

Rico musterte ihn besorgt.
«Verlierst du Luft?»
«Vielleicht.»
«Soll ich Rocco holen? Er besitzt für solche Fälle ungefähr siebzehn Werkzeuge und ein sehr überzeugtes Gesicht.»

Kalle musste lachen. Dabei wurde er noch ein Stück kleiner.

Später hörte er Rocco über eine alte Kommode schimpfen. Eine Schublade klemmte. Er zog, rüttelte und zog wieder.
«Die will einfach nicht.»

Kalle betrachtete das Möbel.
«Vielleicht steht etwas dahinter.»

Rocco hielt inne. Dann schob er die Kommode von der Wand. Ein kleines Holzstück hatte sich verkeilt.

Die Schublade glitt auf.
«Gut gesehen», sagte er.

Kalle wartete auf die nächste Frage. Was er sonst noch konnte. Ob er bleiben durfte. Wozu ein Kugelfisch in einer Brocki gut sein sollte.

Doch Rocco räumte nur sein Werkzeug weg.

Am nächsten Morgen fragte Frechspatz wieder: «Und was machst du heute?»

Kalle spürte, wie er sich schon grösser machen wollte.

Dann wartete er einen Atemzug.
«Ich schaue mich um.»
«Mehr nicht?»
«Vielleicht entdecke ich etwas.»

Frechspatz überlegte.
«Dann schau bitte nach meiner verschwundenen Untertasse.»
«Unter dir», sagte Kalle.

Der Spatz hob einen Fuss.
Tatsächlich.

Von da an wurde Kalle nicht plötzlich furchtlos. Manchmal machte er sich noch immer rund, wenn jemand zu schnell fragte oder zu nahe kam.

Aber eines Tages konnte er sagen: «Einen Augenblick. Das ist mir gerade zu viel.»

Und Fred trat einen Schritt zurück.

Kalle sah ihn überrascht an.
Er hatte sich gar nicht aufblasen müssen.

Am Abend sass die Hafencrew beisammen. Rico verteilte Käse in Portionen, die er ausdrücklich als grosszügig bezeichnete. Kuno widersprach. Mads beantragte eine unabhängige Prüfung.

Kalle lachte mit.

Niemand bat ihn, grösser zu werden.
Und niemand rückte den freien Platz neben ihm weg.

Später fragte Fred, was Kalle am Hafen am besten gefalle.

Der Kugelfisch dachte lange nach.

«Dass ich hier Platz habe. Auch wenn ich weniger davon brauche.»

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