HAFE BROCKI BASEL · EINE HAFENFABEL

Die GANNET, die rote Boje & der Hafenkater

Ein Feuerschiff. Eine rote Wächterin. Ein Kater mit Aussicht.

Die GANNET, die rote Boje & der Hafenkater
01Ein Kater und eine ziemlich grosse Frage

Der Hafenkater sass auf seiner roten Boje und betrachtete die GANNET.

«Eine Frage», sagte er. «Wie kommt ein Schiff nach Basel, das keinen eigenen Antrieb hat?»

Er wartete. Die GANNET schwieg.

«Gut. Dann eben ich.»

Er legte die Pfoten übereinander. Dass er die Reise nicht selbst erlebt hatte, störte ihn wenig. Für den Teil mit den Tatsachen würde die Hafencrew sorgen. Für den Rest hielt er sich durchaus für zuständig.

02Als die GANNET noch leuchtete

Die GANNET wurde 1954 gebaut. Sie war ein irisches Feuerschiff, ein schwimmender Leuchtturm. Dort, wo keiner auf festem Boden stehen konnte, lag sie auf dem Wasser und half anderen Schiffen, ihren Weg zu finden.

Sie musste dafür nicht schnell sein. Sie musste bleiben, leuchten und bei Gefahr Orientierung geben.

Der Hafenkater fand das eine vernünftige Aufgabe.

«Sitzen und wichtig sein. Das kommt mir bekannt vor.»

Viele Jahre erfüllte die GANNET ihren Dienst. Dann, 2009, endete ihr Einsatz als Feuerschiff.

Was macht man, wenn die Aufgabe wegfällt, für die man einmal gebaut wurde?

Bei einem Schiff klingt die Frage ungewöhnlich. Bei einem Menschen vielleicht schon weniger.

03Eine Boje mit unbekannter Vergangenheit

Auch die rote Boje gehört zu den Dingen, die einmal Orientierung gaben. Solche verankerten Schifffahrtszeichen markieren Fahrwege und machen auf Gefahren aufmerksam. Ihre Farben, Formen und Kennzeichnungen haben eine Bedeutung.

Wo genau unsere Boje früher eingesetzt wurde, wissen wir nicht sicher. Der Hafenkater hat dazu bestimmt eine Geschichte. Wir behandeln sie vorsichtshalber als Fabel.

In dieser Fabel heisst die Boje die rote Wächterin. Ich stelle mir vor, wie sie im Wasser lag, während Schiffe an ihr vorbeizogen. Manche Menschen an Bord wussten genau, wohin sie wollten. Andere schauten vielleicht noch einmal auf ihre Karte.

Die Boje blieb. Sie musste niemanden beeindrucken, um nützlich zu sein.

04Die rote Wächterin bekommt eine neue Aufgabe

Heute schwimmt unsere Boje nicht mehr. Sie steht im Hafen, und der Hafenkater hat sich ihren höchsten Platz ausgesucht.

«Beförderung zum Aussichtspunkt», nennt er das.

Von oben sieht er die Menschen kommen. Und drüben die GANNET. Auch sie hat ihre ursprüngliche Aufgabe hinter sich gelassen. Allerdings war ihr Weg bis hierher etwas aufwendiger als der Sprung eines Katers auf eine Boje.

05Eine Idee aus Basel

2018 machten sich Menschen aus Basel auf den Weg nach England. In Chatham, bei Rochester, fanden sie die GANNET: ein altes, rotes Feuerschiff, ungefähr 41 Meter lang.

Man kann sich vorstellen, dass jemand vor diesem Schiff stand und fragte: Können wir das wirklich nach Basel bringen?

Der Hafenkater wäre bei der Anschaffung vorsichtig gewesen.

«Ich hätte zuerst geprüft, ob es durch die Katzentür passt.»

Zum Glück trifft er bei uns nicht sämtliche Entscheidungen. Denn die Idee blieb. Aus ihr wurde eine Reiseplanung.

06Der Rhein lässt sich nicht drängen

Ein Schiff von dieser Grösse setzt man nicht auf einen gewöhnlichen Anhänger. Die GANNET hatte keinen eigenen Antrieb und musste transportiert werden. Auf dem Weg warteten Brücken. Und darunter musste sie hindurchpassen.

Gewicht und Höhe wurden reduziert, Teile angepasst. Doch selbst ein gut vorbereitetes Schiff braucht einen passenden Wasserstand.

Wer einmal etwas gründlich geplant hat und dann warten musste, kennt dieses Gefühl: Man hat alles getan, was in der eigenen Hand liegt. Und trotzdem geht es noch nicht los.

Der Rhein richtet sich eben nicht nach Terminkalendern. Der Hafenkater übrigens auch nicht. Bei ihm liegt es allerdings meistens am Mittagsschlaf.

07Rheinaufwärts

Im Juni 2019 wurde die GANNET Richtung Basel den Rhein hinaufgebracht. Unter Brücken hindurch, an Städten und Häfen vorbei, Stück für Stück näher an ein neues Zuhause.

Für unsere Fabel stelle ich mir vor, dass sie unterwegs an einer roten Boje vorbeikam. Die Boje blieb an ihrem Platz. Das alte Feuerschiff zog weiter.

Ob das wirklich so geschah, wissen wir nicht. Aber das Bild gefällt mir: Zwei Wegweiser begegnen sich. Einer hält den Weg offen. Der andere probiert einen neuen.

08Der Tag an dem ein Schiff in der Luft hing

Am 6. August 2019 kam der Moment, an dem man am Basler Rheinufer besser nach oben schaute.

Ein grosser Raupenkran der Firma Emil Egger hob die GANNET aus dem Rhein. Rund 550 Tonnen Schiff hingen in der Luft.

Für einen Augenblick war unter dem Rumpf nichts, was ein Schiff normalerweise unter sich erwartet.

Der Hafenkater hätte die Szene vermutlich mit einem einzigen Satz kommentiert:

«Also artgerecht ist anders.»

Dann wurde die GANNET im Holzpark Klybeck an Land gesetzt. Die lange Reise war geschafft. Ein ehemaliger schwimmender Leuchtturm stand nun auf Basler Boden.

09Ein merkwürdiges Trio

Heute haben wir hier ein Schiff, das nicht mehr fährt. Eine Boje, die nicht mehr schwimmt. Und einen Kater, der aussieht, als hätte er beides persönlich hierherbestellt.

Man könnte darin drei Dinge sehen, die ihre Aufgabe verloren haben.

Ich sehe lieber genauer hin. Die GANNET hat einen neuen Platz gefunden. Die Boje ist ein Aussichtspunkt geworden. Und der Kater hat endlich ein Publikum für seine Ansichten.

«Endlich», würde er sagen. «Die waren ja vorher schon gut.»

10Die Geschichte hinter unseren Containertüren

Hinter der GANNET stehen unsere rostroten Container. Auch bei uns kommen Dinge an, die schon eine Geschichte haben: ein Stuhl, eine Lampe, ein Bild, ein alter Koffer.

Manches hat lange zu jemandem gehört. Manches war zuletzt nur noch im Weg. Dann bleibt bei uns jemand davor stehen, schaut genauer hin und entdeckt etwas, das ein anderer nicht mehr gesehen hat.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich die Brocki so mag. Ein Gegenstand muss nicht wieder werden, was er früher war. Er darf bei jemand anderem weiterleben.

Die GANNET musste auch nicht zurück aufs Meer, damit ihre Geschichte weiterging.

11Eine Einladung vom Hafenkater

Eines Abends, so erzählt es unsere Fabel, betrachtete der Hafenkater seine beiden alten Wegweiser.

«Eigentlich», sagte er, «seid ihr ziemlich schlecht geworden. Du leuchtest den Schiffen nicht mehr den Weg. Und du markierst kein Fahrwasser.»

Die GANNET schwieg. Die Boje ebenso.

Der Kater schaute zu den Menschen, die durch den Holzpark gingen. Einige blieben beim Schiff stehen. Andere kamen zur Brocki.

«Andererseits findet man euch immer noch.»

Er streckte sich. Das Licht lag tief über dem Rhein.

Vielleicht zeigen uns die beiden heute einen anderen Weg: dass etwas Neues beginnen kann, auch wenn wir uns das vorher nicht vorstellen konnten.

Der Hafenkater würde das natürlich nicht so ausdrücken. Viel zu viele Worte für jemanden, der gerade aufstehen muss.

Er würde von seiner Boje springen, Richtung Brocki laufen und sich noch einmal umdrehen.

«Komm. Schau selber.»

DAS LOGBUCH AUF VIER PFOTEN · 30 SEKUNDEN FILMDienstgang mit Schnurrhaar.Der Hafenmeister hat Sitzungsdienst.
Kies unter den Pfoten. Hafenlicht im Fell. Und die rote Boje als Aussichtspunkt.

Der Hafen hat einen Aufseher. Angestellt hat ihn niemand. Er ist trotzdem überzeugt, dass ohne ihn hier alles aus dem Ruder läuft.

Im Film schreitet er über den Kies, prüft die Umgebung und setzt sich. Später sitzt er im Abendlicht. Dann auf der roten Boje. Der Dienstplan ist anspruchsvoll: schauen, sitzen, anderswo schauen.

In unserer kleinen Hafenfabel meldet Frechspatz Bedenken an.

«Du sitzt schon wieder.»
«Ich halte Ausschau.»
«Wonach?»
«Das wird sich zeigen. Darum schaue ich ja.»

Die GANNET steht hinter ihm im Licht. Die Boje trägt ihn mit ihrer abgeblätterten Farbe. Zwei alte Wegweiser – und ein Kater, der keinerlei Bedarf sieht, den Augenblick zu beschleunigen.

Frechspatz hüpft aufgeregt hin und her. «Man müsste doch auch einmal etwas erledigen!»

Der Kater blinzelt. «Ich bin da.»

Das ist dem Spatz zunächst zu wenig. Dann schaut er zum leuchtenden Schiff. Es fährt heute nirgendwohin. Trotzdem gehört es zum Hafen. Die Boje schwimmt hier nicht. Trotzdem findet der Kater auf ihr seinen Platz.

Vielleicht muss auch ein Mensch nicht jede Pause mit einer Aufgabe rechtfertigen. Man darf einen Moment aufhören, sich nützlich zu machen, und bemerken, wo man gerade ist. Das Licht verändert sich auch ohne unsere Mithilfe.

Frechspatz setzt sich daneben. Drei Atemzüge lang sagt er nichts.

Rico notiert ins Logbuch: «Ausserordentliche Sitzung. Keine Beschlüsse. Alle anwesend. Erstaunlich guter Nachmittag.»

«Manchmal führt der nächste Schritt zu einem Platz, an dem wir eine Weile bleiben dürfen.»

Wann hast du zuletzt irgendwo gesessen, ohne daraus noch etwas machen zu müssen?

Die rote Wächterin und ihre Geschichte ↗

Die kleinen Kapitäne besuchen dieselbe Boje ↗

Zum Film bei den Impressionen ↗

Die Fakten hinter der Fabel

Die GANNET

1954
Die GANNET wurde als irisches Feuerschiff gebaut. Ein Feuerschiff übernimmt dort eine ähnliche Aufgabe wie ein Leuchtturm, wo kein fester Leuchtturm errichtet werden kann.
2009
Ihr aktiver Dienst als Feuerschiff endete.
2018
Die GANNET wurde in Chatham/Rochester in England entdeckt. Daraus entstand die Idee, das Schiff nach Basel zu holen. Zu den Personen hinter dem Projekt gehörten unter anderem: Katja Reichenstein, Tom Brunner, Roy Bula und Andy „Ändu“ Wyss.
2019
Für die Reise nach Basel musste die GANNET vorbereitet und unter anderem in Gewicht und Höhe angepasst werden.
Juni 2019
Die GANNET wurde Richtung Basel den Rhein hinauf transportiert.
6. August 2019
Das rund 550 Tonnen schwere Schiff wurde mit einem Raupenkran der Firma Emil Egger aus dem Rhein gehoben und im Holzpark Klybeck in Basel an Land gesetzt.
Heute
Die GANNET ist Teil des Holzparks Klybeck und wird als Kultur-, Begegnungs- und Gastronomieort genutzt.

🔴 Die rote Boje

Bojen beziehungsweise Tonnen sind schwimmende, verankerte Schifffahrtszeichen. Sie dienen unter anderem der Orientierung und Kennzeichnung von Fahrwegen. Farbe, Form, Kennzeichnung und gegebenenfalls Licht haben in der Schifffahrt definierte Bedeutungen.

Wichtig: Der konkrete frühere Einsatzort und die individuelle Geschichte der grossen roten Boje bei der HAFE BROCKI sind derzeit nicht sicher belegt.

Der Begriff „die rote Wächterin“ gehört ausdrücklich zur Fabel.

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