Humor & Tiefsinn · ca. 5 Minuten

Der Mann mit dem Licht im Kopf.

Frechspatz nennt ihn einen Schreihals. Dabei hat der Mann mit der Glühbirne noch keinen Ton gesagt.

Der Mann mit dem Licht im Kopf.
Der Mann mit dem Licht im Kopf steht auf einem schwarzen Hocker, mit der GANNET und farbigen Stühlen im Hintergrund
Ein stiller Ruf vor der GANNET. Unsere Fabel hört eine mögliche Geschichte darin.

Vor der GANNET stand er auf einem schwarzen Hocker. Die Augen geschlossen. Der Mund weit offen. Auf dem Kopf eine Glühbirne, in der sich das Tageslicht fing.

Er hatte eine Präsenz, an der man kaum vorbeikam. Ein Gesicht mitten im Ruf – und doch hörte man nur den Hafenwind.

Käpt’n Frechspatz landete in seiner Nähe. In unserer Hafenfabel hatte er bereits ein Urteil vorbereitet.

«Ein Schreihals», sagte er. «Mit eingebauter Erleuchtung. Praktisch. Da spart man sich das Nachdenken.»

Mads schaute ihn an. «Du hast ihm noch keine einzige Frage gestellt.»

«Er sieht doch aus, als hätte er genug zu sagen.»

«Dann könntest du zuhören.»

Der Spatz wartete auf einen Ton. Eine Sekunde. Zwei. Dann wollte er schon weiter. Der Hafenkater kam dazu und setzte sich an den Fuss des Hockers. Er hatte es nicht eilig.

Im Glas der Glühbirne spiegelte sich das Schiff. Ein Stück Himmel lag darin, goldenes Licht und die Schatten der Bäume. Frechspatz sah nun, wie viel Platz so ein kleines Glas der Welt geben konnte.

«Warum schreist du?», fragte er.

In der Phantasie unserer Fabel antwortete der Mann: «Vielleicht, weil immer jemand über mich spricht. Und selten jemand mit mir.»

Frechspatz schaute auf seine Füsse. Er hatte eben erst das Wort Schreihals benutzt. Es war schneller aus ihm herausgekommen als seine Neugier.

«Was möchtest du denn sagen?»

«Das weiss ich noch nicht genau.»

Der Spatz blickte zum Kater. Der blieb sitzen. Also blieb auch Frechspatz.

Eine Weile hatten sie keine passenden Worte. Der Hafen half aus: mit Wind im Grün, einem Schritt auf den Planken und dem leisen Knarren eines Stuhls. Hinter ihnen stand die GANNET, gross und ruhig.

«Ich dachte», sagte der Mann schliesslich, «ich müsste erst alles erklären können, bevor sich jemand zu mir setzt.»

«Ich bin schon hier», sagte der Kater.

Rico tauchte auf. Er hatte den offenen Mund bemerkt und zunächst mit einem ernsthaften Hungerproblem gerechnet. «Ich könnte eine Brotkruste organisieren. Für schwierige Gespräche habe ich leider noch keinen Käsevorrat.»

Der Mann musste in der Fabel lachen. Frechspatz auch. Für einen Augenblick durfte die Sache schwer sein und trotzdem ein bisschen leicht werden.

Die Glühbirne blieb an ihrem Platz. Frechspatz sah hinauf. «Du hast das Licht auf dem Kopf und findest trotzdem nicht immer die Worte?»

«Ja.»

Das verstand der Spatz erstaunlich gut. Er fand meistens die Worte und längst nicht immer den Gedanken dazu.

Minnie winkte in ihrer Phantasie vom Regal herüber. Vielleicht hatte der Mann mit dem Licht im Kopf sogar eine Aufgabe für die nächste nächtliche Expedition. Er musste jetzt keine übernehmen. Zuerst bekam er einen Platz in der Runde.

Als der Nachmittag weiterzog, stand das Fundstück noch immer mit offenem Mund auf dem Hocker. An seiner Form hatte sich nichts verändert. Aber Frechspatz betrachtete es anders.

Er wusste nicht, ob dieses Gesicht einen Schrei, ein Staunen, ein Gähnen oder etwas ganz anderes festhielt. Die Begegnung, die er sich ausgedacht hatte, war nur eine mögliche Geschichte. Doch sie erinnerte ihn an etwas, das er wirklich üben konnte: erst fragen. Dann bleiben. Und die Antwort nicht selbst erfinden.

«Wie soll ich dich nennen?», fragte er zum Abschied.

«Für heute reicht: der, zu dem ihr euch gesetzt habt.»

Rico schrieb ins Hafenprotokoll: «Mund offen. Licht im Kopf. Endlich Gesellschaft. Sitzung erfolgreich – obwohl Frechspatz weniger geredet hat als vorgesehen.»

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